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re:publica 2017

re:publica 17 #LoveOutLoud

rp15: Von der Netzwerk- zur Plattformgesellschaft

Grundsätzlich gesagt, die heute vielleicht schwierigste Session des Tages, denn obwohl es um ein Phänomen geht, dass wir alle auch aus anderen Welten kennen, ist die Theorie davon,mit der Michael Seemann und Sebastian Gießmann ihren Lebensunterhalt verdienen, durchaus anspruchsvoll.



Die Darstellung des ganzen Komplexes ist den beiden aber durchaus gelungen.

Netzwerke sind zunächst etwas, das jeder kennt und auf dem unsere gesamt Kultur basiert:
So war das römische Weltreich ohne das Netzwerk von Straßen nicht denkbar, das alte Festnetztelefon war dagegen ein wichtiges Netzwerk des letzten Jahrhunderts.

Plattformen sind dann jene Unternehmensformen, die auf der Grundlage von Netzwerken entstehen.

Buchstäblich war tatsächlich auch die Technologie des Telefons am Anfang frei, es konnte sich jeder gerne seine eigene Leitung ziehen.

Das geschah in den USA anfangs tatsächlich und erst die spätere Vernetzung dieser kleinen Netze , von AT&T initiiert, führte zu flächendeckenden Netzen.

Lokal wurden in bis 50% der Gebite der USA mehr oder weniger privat initiierte Netze gebaut, ab die man sich mit einer Rolle Telefondraht und ein paar Masten einklinken konnte.
Doch die Lokalität war ein Problem und für die Erschließung größerer Flächen fehlte diesen kleinen Netzen letztlich jemand, der genug Telefondraht auf der Rolle hat.
Das gelang eben AT&T, die mit ihrem Angebot, das kleine Netz an ihr größeres, überregionales Netz anzuschließen, so attraktiv waren, das die kleineren Netze darin aufgingen.

AT&T wurde so zur ersten (Telefon-)Plattform.

Der Unterschied zwischen dem zuerst entstandenen Netzwerk und der späteren Plattform ist schnell klar:
Dem Netzwerk konnte sich noch jeder irgendwie anschließen, der Plattform kann man sich nur noch (per Gebühren o.ä.) ein ausgewählter Kreis anschließen.

Wie groß dieser ausgewählte Kreis und wie hoch die Kriterien für den Zutritt zu einer Plattform sind, hängt dann aber letztlich von der Plattform selbst ab:
So musste man dereinst mindestens Geschäftsmann sein, um eine "Diners-Club"-Kreditkarte zu bekommen, bei Facebook "reicht" es, alle seine Rechte an den Inhalten Mark Zuckerberg zu überschreiben.

Damit sind wir beim Kern des Problems:
Das Internet ist inzwischen bei den Plattformen angekommen und bietet nur noch wenig freien Platz.

Es gibt Menschen, für die ist das Internet primär die Plattform Facebook und nicht mehr ein Sammelsurium von Webseiten, Techniken und Möglcihkeiten sich auch ganz unabhängig davon sozial zu vernetzen (man denke nur an die Forenkultur vergangener Tage...).

Ich teile allerdings nicht die These, das die Zukunft des Netzes in Plattformen liegt, denn das führt nur in die langweilige Einseitigkeit, die durch die verschiedenen Filterblasen der sozialen Netzwerke schon jetzt entsteht.

Glaubt man meiner Facebook-Timeline, interessiere ich mich offensichtlich ausschließlich für Eishockey und Katzenbilder, die Filterbubble richtet sich nur nach dem, was ich dort regelmässig lese und igrnoriert alles andere... 

Es stimmt also, dass ich auf Facebook nichts anderes interessantes finde und auch gar nicht mehr Zeit dort verbringen möchte, während ich die meiste Zeit lieber im sozialen Netz von Google+ und Twitter unterwegs bin und dortige Filterblasen auch ganz andere Interessen wiedergeben.

Genau das ist der Nachteil der Plattformen an sich: Sie blenden den Rest aus und man kann nicht Mitglied in allen Plattformen sein. So versuchen sie zwar datentechnisch die Kontrolle über das gesamte Leben zu erlangen und decken z.B. mit Navigationshilfen auch einen Teil der Bedürfnisse ab, die ich dort habe, aber letztlich - und ich werde darauf achten, dass es auch so bleibt - weiß noch kein Netzwerk von sich aus was ich tue, wenn ich kacke oder  was ich mit den Leuten rede, wenn ich "am Ziel" angekommen bin.

Plattformen werden sterben, neue entstehen. Soweit kann ich mitgehen.
Wenn es den Plattformen aber nicht gelingt, das Netz voranzubringen, wird das Internet mal langweiliger Bezahlbrei wie sämtliche Kabel- und Videokanäle der Welt.
Keine Plattform wird dann mehr das enthalten, was der User wirklich will. 

Im übrigen bedeutete ja der Schritt zur Plattformgesellschaft einen Rückschritt, denn wir waren/sind/sehen uns ja auf dem Weg unsere letzte Plattform, die Nationalität, aufzugeben und Europäer zu werden, weshalb es mir durchaus auch Wert scheint, Plattformen und die in ihnen stattfindende Zensur eher wieder zu bekämpfen. 

Man muss wieder mehr selbst für sich und seine Wünsche einstehen, als es irgendwelchen Plattformen zu überlassen, die einem  das Denken abnehmen.
Wenn man sich darüber klar ist, macht es vielleicht sogar sinn bestehende Plattformen neu zu nutzen oder neue, eigene Plattformen zu schaffen, die nciht unbedingt immer (inter-)netzbasiert sein müssen.
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